Für den heutigen Tag hatten wir uns eine Gratwanderung ausgesucht. Strecke rd. 15 km, Höhendifferenz gesamt rd. 1100 Meter. Diese Wanderung ist für uns die Schlüsselwanderung, welche uns in die zukünftige Gier nach alpinen Bergwanderungen geführt hat.


Was uns an diesem heißen Sommertag erwartete war berauschend und für uns bis zu diesem Tage außergewöhnlich. Der Track führte uns wie erwartet auf den schmalen Grat, links und rechts steil abfallend. Der Weg (teilweise nur durch die Wegmarkierungen überhaupt zu erkennen) forderte Ruhe und Konzentration, an manchen Stellen war der Einsatz der Hände unerlässlich.
Zu Beginn des Gratweges verbanden wir uns zu dritt mit einem Seil. Das war die richtige Entscheidung. Und kurz vor dem letzten Anstieg auf den Neuenalpspitz ging es zum „Grand Finale“ einen kleinen Kletterfelsen hinab.

Aber nochmal zurück zum Anfang und dann der Reihe nach. Am Abend vor der Wanderung reisten wir an. Wir wollten wegen der zu erwartenden Tagestemperaturen schon früh starten. Nach kurzer Suche fanden wir den Parkplatz „Laui“ oberhalb von Wildhaus. Für 5 Sfr darf man hier auch nächtigen. In der Früh um halb fünf wurden wir wach, weil andere Wanderer auf den Parkplatz fuhren und ihrerseits mit dem Wandern begannen – in Richtung Säntis.

Zeit für uns auch aus unserem kleinen, gemütlichen und vor allem selbstausgebautem Mini-Camper auszusteigen. Betten lüften, frühstücken und Rucksäcke vorbereiten. Dann gleich zu unserem tags zuvor schon ausgesuchtem Startpunkt – einem kleinen Parkplatz auf rund 1180 m. ü. d. M.. (N 47,20254, O 9,29346)

Zwischen Mittelberg und Lauberg führt uns ein kleiner Pfad steil nach oben zum Gräppelensee auf rd. 1300 Metern. Eine Sage des Sees erzählt die Geschichte des Mädchens Simone welches an dem Seeufer dem Angebot eines gefallenen Engels widerstand ihre Seele durch einen Schatz einzutauschen. Sie lehnte ab und hatte fortan zur Belohnung in ihrem Leben Glück.

Eine andere Erzählung sagt (Klicken um zu öffnen)

Die Toggenburger gelten als bescheiden, ehrlich und grosszügig: Typisches Beispiel ist der Landwirt, der die Milch mit vollem Mass schöpfte und immer noch einen Gutsch dazugab, weil er es nicht ertrug, wenn jemand einen Tropfen zu wenig bekam.

Aus der Toggenburger Art schlug jener Obersenn von Gräppelen, der hartherzig an Menschen nur interessiert war, wenn er an ihnen etwas verdienen konnte. Zum ihm kam Jesus, als einfacher junger Mann verkleidet. Der Senn herrschte ihn an: „Was wottsch? E Schale Milch? E Stuck Brot? E Bettstatt? En Laubsack?“ Die Gastfreundschaft durfte er zwar nicht völlig missachten. Darum reichte er dem armen Bettler ein Stück verschimmeltes Brot, und in die Milchkachel rührte er Kuhdreck. Da stieg Jesus auf den Berg und verwünschte die Alp. Erst wenn hier wieder Liebe einkehre, solle sie fruchtbar werden. Eine gewaltige Felswand löste sich und verwandelte die Alp in eine Steinwüste.

Während einer unvorstellbaren Hungersnot schickte der Besitzer der Steinwüste seine Tochter mit der letzten überlebenden Geiss auf den Berg, sie solle hier Kräuter suchen. Ihr begegnete ein erschöpftes Hutzelwiibli, das flehte: „Häsch mer nöd öppis?“ Das Mädchen gab ihm das letzte Stücklein Brot, die letzten Tropfen Milch. „Vergelts Gott“, seufzte das Wibli – und verschwand. Ein Jahr später war die Alp wieder grasgrün, der Gräppelensee tiefblau: und die Besitzerfamilie hatte keine Not mehr zu leiden.

Mündliche Überlieferung, notiert von Ernst Giger

Auch für Kira wird dieser See eine besondere Bedeutung bekommen – dazu aber später mehr. Wir setzen unseren Weg fort. Über eine Weide, vorbei an der Gedenkstelle eines Flugzeugabsturzes im Jahr 1944 zum Windenpass auf 1620 Metern. Immer wieder fällt unser Blick zurück zum Gräppelensee und zu den wie Zähnen aufgereiten Churfirsten.

Ab dem Windenpass ändert sich der Charakter unseres Weges von einem normalen Wanderweg zu einem Bergwanderweg. Geröll und schmale Pfade auf dem Grat werden unseren Weg bis hin zum höchsten Punkt des Tages erwarten, Höhenmeter gibt es hierbei nicht mehr viele zu überwinden. Dafür müssen wir unsere Höhenängste überwinden. Wie eingangs erwähnt ist diese Wanderung für uns der Start in eine Wanderdimension, welche wir bislang in diesem Maße nicht kennen. Bis dahin waren wir beide von Höhenangst oder doch zumindest starkem Respekt vor Höhe befangen. Die beidseits steil und tief abfallenden Flanken verlangten uns demnach einiges an Selbstdisziplin und zwanghafter Ruhe ab. Wir stellten uns dieser Herausforderung und werden durch wundervolle Aussichten so stark abgelenkt, dass unsere Ängste wie verschwunden scheinen.

Das letzte Drittel der rd. 3 km zwischen Windenpass und Neuenalpspitz ist der Gmeinwiser Grat über die Gmeinwishöchi. An der Schlüsselstelle der Wanderung, welche durchaus mit Schwierigkeitsgrad T3+ einzustufen ist, stellt sich für uns zum letzten Mal die bereits zuvor schon ein paar Mal gestellte Frage „umkehren oder weitergehen“. Auch hier entscheiden wir uns zum Weitergehen bzw. eher weiterklettern. Zum Glück fiel diese Entscheidung so, denn das langsame und bedachte Meistern hat uns kräftig mit Mut, Sicherheit und Stolz belohnt.

Nach einer kurzen weiteren Kraxelei auf allen Vieren erreichen wir den Neuenalpspitz auf 1816 Metern. Erwartet werden wir von einer unvorstellbaren Anzahl von Fliegen. Summen um uns herum. Zur Sicherheit besprühen wir uns mit einem einfachen „Anti-Insekten-Spray“ und als wäre ein Paukenschlag erklungen sind alle Fluginsekten verschwunden. Ob Zufall oder bedingt durch das Spray werden wir nie erfahren.

Wir haben den Gipfel für uns allein. Das ist auch gut so, denn mehr als wir passen da nicht drauf. Während unserer Ruhepause stellen wir fest, dass wir bedeutend zu wenig Wasser mitgenommen haben. Tja, das sind die Unerfahrenen. Die Sonne bestrahlt uns gnadenlos und die Temperatur ist kräftig nach oben gestiegen. Alle verfügbaren Wasserreserven bekommt Kira, dennoch ist es zu wenig. Wir verfolgen per Auge die Route des Abstieges und stellen fest, dass es bis zu nächsten Wasserstelle, dem Grräppelensee, noch ein ganzes Stück und eine ganze Weile dauern wird.

Der Abstieg auf der anderen Seite ist zwar steil, aber ansonsten recht anspruchslos. Kurz nach dem Schlofstein (ein Bergipfel und Aussichtspunkt) auf 1400 Metern geht der Pfad in Wirtschaftswege über. Am Schlofstein müssen wir Kira nochmals kurz im Schatten etwas ausruhen lassen. Die Hitze und das fehlende Wasser sind eine große Herausforderung für sie. 5 km später erreichen wir den Gräppelensee.

Kiras Erschöpfung ist vergessen. Sie schießt in das kühle Nass, scheint den See am liebsten komplett auszutrinken. Sie möchte gar nicht mehr aus dem Wasser heraus. Unzählige Male taucht sie komplett unter. Was sie am Boden gefunden hat finden wir nicht heraus. Wir geben ihr und uns reichlich Zeit zum Erholen und uns die Freude über das Erreichte von der Seele zu reden ehe wir die zwei letzten Kilometer zurück zum Ausgangspunkt absteigen.

Zwei weitere Videos:

Der 18.07.2018. Unser Start in eine völlig andere Wanderwelt. Die alpine Bergwelt hat uns nun in ihren Bann gezogen und hat uns süchtig gemacht. Uns ist klar: Das war nicht die einzige Herausforderung in den Bergen. Es soll und wird noch einige geben. Die gesamten zahlreichen Fotos sind hier zu finden.

Gesamtstrecke: 14.6 km
Maximale Höhe: 1818 m
Minimale Höhe: 1154 m
Gesamtzeit: 08:25:09

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